Wer in Rom lebt oder die Stadt regelmäßig besucht, hat bestimmt schon einmal von Spin Time Labs gehört, einer seit fast 15 Jahren aktiven Initiative für Stadterneuerung. Luca Boccoli zeichnet in diesem Interview mit Paolo Perrini, Mitbegründer und Vorsitzender von Spin Time, die Geschichte dieses Begegnungsortes nach, der trotz seiner Bekanntheit ständig von der Räumung bedroht ist.
Spin Time entstand im Oktober 2013 mit der Besetzung eines zehnstöckigen, 21.000 Quadratmeter großen Gebäudes im römischen Stadtteil Esquilino durch die Bewegung für das Recht auf Wohnen „Action“. 2013 war das Jahr der sogenannten Tsunami-Tour,, bei der sich mehrere Wohnungsbewegungen gegen den Mangel an Lösungen für das Wohnungsproblem in Rom zusammengeschlossen haben. Sie führte bis zum Jahresende zu fast 50 neuen Besetzungen in der ganzen Stadt. Das von Action besetzte Gebäude war der Sitz des Nationalen Instituts für Sozialversicherung und Fürsorge der Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung (Inpdap), das später in das INPS[1] integriert wurde. Die Schließung der Büros begann im Jahr 2003, und die endgültige Aufgabe erfolgte 2010, nachdem das Gebäude Gegenstand eines Verbriefungsprozesses im Rahmen der sogenannten „kreativen Finanzwirtschaft“ des damaligen Finanz- und Wirtschaftsministers Giulio Tremonti geworden war. Es wurde verkauft und vom Immobilieninvestmentfonds Investire SGR erworben. Die Banca Finnat Euroamerica S.p.A. Gruppe machte dabei über 1 Milliarde Euro Gewinn. Durch die Besetzung des Gebäudes in der Via Santa Croce in Gerusalemme fanden über 150 Familien ein Zuhause, indem die ehemaligen Büros in Wohnräume umgewandelt und auf jeder Etage Gemeinschaftsbäder und -küchen eingerichtet wurden. Im folgenden Jahr begann dann das Projekt Spin Time als „Baustelle der Stadterneuerung“. So öffnete sich das Gebäude nach außen, und Wohnen und Dienstleistungen für die Bürger*innen, sowohl sozialer als auch kultureller Art, konnten nebeneinander existieren. Im Jahr 2019 wurde das Jugendmagazin „Scomodo“ Teil der Hausgemeinschaft und stellte sich derHerausforderung, eine ganze Etage zu sanieren, um sie in ein Kulturzentrum zu verwandeln: Im September 2020 wurde „La Redazione“ eingeweiht. 2019 war auch das Jahr der „Wunder“: Ab dem 7. Mai stand das Gebäude ohne Strom und schließlich auch ohne Wasser im Dunkeln - Tage der Angst, doch es kam zu einem Wettlauf der Solidarität. Hunderte von Menschen kamen täglich, um Taschenlampen und warme Mahlzeiten zu bringen; Spin Time wurde zu einem wichtigen Treffpunkt. Die Politik schaute tatenlos zu – damals war Matteo Salvini Innenminister und Virginia Raggi Bürgermeisterin von Rom. Die Krise wurde schließlich vom Beauftragten für Armenfürsorge des Papstes, Kardinal Konrad Krajewski, gelöst, der sich in einen Kabelschacht hinabließ, um persönlich den Strom wieder einzuschalten und den Bewohner*innen das Licht zurückzubringen[2] - eine wahre Geste des Widerstands. Medien auf der ganzen Welt berichteten über das Ereignis, das Sabina Guzzanti zu ihrem Film „Spin Time! Che fatica la democrazia“ inspirierte. Er kam 2021 in die Kinos.
Wer in Rom lebt oder die Stadt regelmäßig besucht, hat bestimmt schon einmal von Spin Time Labs gehört. Wir befinden uns im Herzen von Manzoni, einem zentralen Stadtteil der italienischen Hauptstadt, in unmittelbarer Nähe der Basilika Santa Croce in Gerusalemme. Zwischen der Basilika – einem Wallfahrtsort für Gläubige, die dort ein Holzfragment verehren, das der Überlieferung zufolge vom Kreuz Jesu Christi stammt – und Spin Time, einem Projekt zur Stadterneuerung, besteht eine symbolische Verbindung.
Das Gebäude, in dem sich Spin Time befindet, liegt nicht nur in der Straße, die nach der Basilika benannt wurde. Sobald man hineinkommt und eine kurze Treppe hinaufgestiegen ist, sieht man eine Vitrine mit zwei Holzstücken des Schiffes, das vor Cutro sank, was zum Tod von 94 Menschen führte[3] . Sie trägt die Inschrift: „Vom Strand von Cutro, damit wir niemals vergessen, für eine Welt ohne Grenzen mit gemeinsamen Horizonten“. Als ich Paolo Perrini, den Präsidenten des Vereins APS Spin Time, treffe, um ihn zu interviewen, und ihn um ein Foto für den Text bitte, legt er Wert darauf, es genau dort zu machen.
Paolo, welche Bedeutung hat diese Vitrine für euch?
„Sie soll die Besucher*innen daran erinnern, dass sich niemand alleine retten kann. Man muss sich um andere kümmern, um ihre Geschichten und ihre Verletzlichkeit. Nur so können wir uns von Egoismus und Ängsten befreien, die uns die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nehmen – eine Zukunft, die wir uns durch Kriege selbst zerstören.“
Wann und wie entstand Spin Time?
„Der Verein entstand unmittelbar nach der Besetzung dieses Ortes am 12. Oktober 2013. Wir haben von Anfang an gemeinsam mit den Besetzer*innen und den Aktivist*innen von Action[4] beschlossen, diese Besetzung als eine Baustelle der Stadterneuerung zu betrachten, und versucht, jene zusammenzubringen, die damals wie heute zu den am stärksten benachteiligten Gruppen der Welt gehören: junge Menschen, Arme und Migrant*innen. Wir haben vor allem daran gearbeitet, das Gebäude wieder bewohnbar zu machen. Es war komplett zugemauert und man hatte sogar die Sanitäranlagen entfernt, um eine Besetzung zu verhindern. Wir haben etwa ein Jahr gebraucht, um Stockwerk für Stockwerk wieder herzurichten und die Bewohner*innen entsprechend ihren Familienverbänden in den verschiedenen Räumen unterzubringen. Derzeit leben dort vom ersten bis zum siebten Stock 135 Familien aus 27 verschiedenen Nationen. Das Erdgeschoss, das Untergeschoss und das zweite Untergeschoss, die zusammen 5.000 Quadratmeter umfassen, werden für soziale, kulturelle und Bildungsangebote für die gesamte Stadt genutzt. Die Gesamtfläche beträgt etwa 18.600 Quadratmeter, davon entfallen 11.600 auf den Wohnbereich und 5.000 auf Bildungsaktivitäten.“
Spin Time ist nicht nur in Rom, sondern in ganz Italien einzigartig. Es handelt sich um einen multikulturellen Ort, der Wohnbedarf, soziale Aktivitäten und handwerkliche Tätigkeiten miteinander verbindet. Vorhin hast du mir sogar eine multireligiöse Kapelle gezeigt, in der Gläubige verschiedener Religionenen gleichzeitig beten …
„Seit nunmehr elf Jahren versuchen wir, eine offene, einladende und solidarische Gemeinschaft aufzubauen. Wie ich bereits erwähnt habe, gehen wir dabei von den Erfahrungen junger Menschen, armer Menschen und Migrant*innen aus. Es war nicht einfach, aber wir haben schnell begriffen, dass wir uns auf wissenschaftliche Studien stützen müssen, um dieses Vorhaben zu verwirklichen.
Bis heute haben innerhalb dieser Mauern etwa 83 Student*innen von 25 Universitäten aus ganz Europa ihren Abschluss gemacht. Sie haben ihre Abschlussarbeiten geschrieben, während sie im Spin Time lebten: einige für ein oder zwei Monate, andere für sechs Monate. Chiara Caciotti hat zum Beispiel ein Buch über unsere Geschichte geschrieben[5] und ihren Abschluss in Sozialwirtschaft gemacht, nachdem sie zwei Jahre lang hier gewohnt hatte. Jetzt arbeitet sie an der Universität Neapel. Das war die erste Bewährungsprobe.“
Und die zweite?
„Die bestand darin, mit der Kirche zusammenzuarbeiten. Das geschah auf ganz besondere Weise und geht auf eine Erfahrung zurück, die ich im Laufe der Jahre in den Roma-Lagern gemeinsam mit Don Zuppi gemacht habe, dem heutigen Vorsitzenden der CEI und Erzbischof von Bologna. Dort greifen oft nicht die Institutionen ein, sondern Organisationen wie AGESCI, die Scuola della Pace und Sant’Egidio. Wir haben uns dort kennengelernt und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Don Zuppi beschloss, das Pfarrzentrum in die Aktivitäten mit einzubeziehen, und das war eines der Experimente, die meiner Meinung nach am besten funktioniert haben.“
Ein Gemeindezentrum?
„Ja. Dort finden Hilfsaktionen für Bedürftige statt, die zum Beispiel von der Piazza Vittorio oder der Porta Maggiore zu uns kommen. Zweimal pro Woche werden mit Unterstützung von Sant’Egidio und der Banco Alimentare Lebensmittelpakete verteilt. Außerdem gibt es eine Lebensmittelhilfe für bedürftige Familien, die in der besetzten Unterkunft leben.“
Mir ist noch eine weitere „kirchliche Angelegenheit“ aufgefallen: die Werkstatt für religiöse Kunstwerke. Können Sie mir erklären, worum es sich dabei handelt?
„(Lacht) Es handelt sich um eine ganz besondere Werkstatt, und jedes Mal, wenn ich sie zeige – und das muss ich tun, denn sonst glaubt man mir nicht –, sind die Leute sprachlos. Das Pfarrzentrum restauriert in Zusammenarbeit mit der Akademie der Schönen Künste die sakralen Kunstwerke, meist im orthodoxen Stil, der Basilika San Giovanni und der Basilika Santa Croce.“
Es handelt sich also um alte Kunstwerke, die restauriert und anschließend wieder in den beiden Basiliken aufgestellt werden?
„Genau. Darüber hinaus stellen wir auch selbst sakrale Gegenstände her. Und das ist nicht alles: Wir haben noch eine Tischlerei, einen Friseursalon, eine Dunkelkammer für Schwarz-Weiß-Entwicklungen und eine Siebdruckerei, in der wir unsere T-Shirts bedrucken. Sogar die Polizeigewerkschaft von Pisa ist zusammen mit dem Gewerkschaftsbund CGIL für eine Aktion hierher gekommen: Sie haben unsere Siebdruckerei gesehen und Tücher für eine ihrer Demonstrationen bestellt. Das ist ein gutes Beispiel für Austausch und Ideen, die an so offenen Orten entstehen.“
Eure „offizielle“ Beziehung zur Kirche geht auf ein besonderes Ereignis zurück. Möchtest du mir davon erzählen?
„Es begann mit einem Brief, den ich im Namen von Action verfasste. Das war 2015, im Jahr der Barmherzigkeit, und die Kirche hatte Stätten für Pilger*innen geöffnet. Ich hatte darum gebeten, dass diese nach dem Ende des religiösen Tourismus den Armen zur Verfügung gestellt werden. Ich schickte den Brief über Ordensschwestern, die in Santa Marta arbeiteten, an Papst Franziskus. Er las ihn und schickte uns nach zwei Wochen eine schriftliche Antwort.“
Und was antwortete er?
„Er sagte, er erkenne den gesellschaftlichen Wert von Spin Time an und werde unseren Vorschlag prüfen. Er erteilte uns sogar den apostolischen Segen. Ich wusste damals nicht, dass das kein gewöhnlicher Segen ist. Den apostolischen Segen erteilt man nur, wenn man wirklich an das Gesagte glaubt. Der Papst wollte sogar, dass Spin Time das fünfte offizielle Treffen der Volksbewegungen ausrichtet.“
Und Leo XIV.?
„Papst Leo hat uns in einer Ansprache erwähnt und ganz offen gesagt, dass er auf unserer Seite steht. Wir haben erfahren, dass nicht Bürgermeister Roberto Gualtieri die Räumung von Spin Time gestoppt hat, sondern der Papst. Letzten Februar, am Ende des Heiligen Jahress, sprach der Papst bei einem Treffen mit dem Bürgermeister Spin Time direkt an. Damit hatte Gualtieri nicht gerechnet.“
Rom läuft Gefahr, zur Hauptstadt der Immobilienspekulation zu werden, wie es bereits in Mailand geschehen ist. Warum kann oder will die Politik nicht aus dank Orten wie dem euren gemachten Erfahrungen lernen?
„Weil sich die Maßstäbe ändern, nach denen die Politik handelt. Heute steht die Politik im Dienste der Wirtschaft, und das Geld hat das Sagen. Wer gibt in der Welt den Ton an? Diejenigen, die Geld haben. Und wie denken sie? Worum geht es in Kriegen? Um Geld, nicht um Freiheit oder Widerstand. Und das führt zu einem regelrechten Chaos. Unser Fall ist ein konkretes Beispiel. Unser Gebäude befindet sich im Besitz von Investire SGR, einer Gesellschaft der Banca Finnat-Gruppe. Immobilienfonds wie dieser sind im Rahmen eines Prozesses zur Aufwertung und Veräußerung des öffentlichen Vermögens entstanden. Er wurde in den Jahren der Immobilienverbriefungen im Zusammenhang mit dem sogenannten Tremonti-Gesetz eingeleitet. In ganz Italien wurden Hunderte von öffentlichen Immobilien an Immobilienfonds übertragen, die formal zwar eine öffentliche Funktion haben, aber nach marktwirtschaftlichen Prinzipien agieren.
Im Ergebnis bringen Leerstände mehr ein als genutzte Gebäude. So wird es, obwohl Rom voller vernachlässigter öffentlicher und privater Kulturgüter ist, äußerst schwierig, soziale oder kulturelle Projekte zu verwirklichen.
Nehmen wir zum Beispiel das Apollo Kino: Im Inneren befindet sich noch immer Asbest, und soweit wir wissen, fehlt es an Mitteln, um ihn zu entfernen. Oder denken Sie an das Gebäude, das wir in Rom „Dente Cariato“ nennen[6], dort gibt es das gleiche Problem. In der Zwischenzeit sind die einzigen Modelle, die vorankommen, Social Hubs oder große Immobilienprojekte, die jedoch mit echter Stadterneuerung nur wenig zu tun haben.
Wir haben erfahren, dass Roma REgeneration – eine Plattform, die große Immobilien- und Finanzinvestor*innen zusammenbringt, darunter Akteur*innen mit Verbindungen zur Immobilienholding Caltagirone, BlackRock und Investire SGR – gemeinsam mit der Stadtverwaltung an einem 30-Jahres-Plan im Umfang von über 140 Milliarden Euro arbeitet, um Rom umzugestalten. Und die Beispiele lassen einen erschaudern: Teile der Appia Antica sollen beispielsweise in Golfplätze und Schwimmbäder, und Fünf-Sterne-Hotels umgewandelt werden. Das wäre ihre Vorstellung von Stadterneuerung. Wie die Social Hubs: Zimmer für 1.500 Euro im Monat. Oder das Projekt am Piazzale delle Province, ebenfalls in Verbindung mit Investire SGR: Dort gab es eine Hausbesetzung ähnlich wie bei uns. Das Gebäude wurde abgerissen, und an seiner Stelle sollen ein Fünf-Sterne-Hotel und Sozialwohnungen mit Einzimmerwohnungen zu schwindelerregenden Preisen entstehen[7]“.
Deiner Meinung nach, hat in der Politik heute das Geld das Sagen. Aber war das nicht schon immer so?
„Die Lage hat sich verschlechtert, weil die Politik an Glaubwürdigkeit verloren hat. Ein Beispiel ist das „Nein“ beim Referendum über die Justizreform im vergangenen März: Das war eine außergewöhnliche Sache, aber meiner Meinung nach waren die Politiker*innen des sogenannten breiten Lagers die ersten, die nicht daran geglaubt haben. Sie waren es, die sagten: ‚Wir verlieren sowieso.‘ Und meiner Meinung nach sollte die Tatsache, dass über 58 % der Wähler*innen zur Wahl gegangen sind – im Vergleich zu den viel niedrigeren Prozentsätzen bei den letzten Wahlen –, zum Nachdenken anregen. Die Menschen glauben nicht mehr an die Politik, vor allem die schwächsten Bevölkerungsgruppen.“
Wie lässt sich das umkehren?
„Es müssen neue Formen der Kommunikation zwischen sozialen, wohnungswirtschaftlichen und politischen Akteur*innen gefunden werden. Wir arbeiten zum Beispiel an der Idee der Agorà: Räume, in denen sich die Bewohner*innen eines Gebiets mit dessen Verwaltung austauschen können. Das ist jedoch schwierig, vor allem wegen des Glaubwürdigkeitsverlusts der politischen Kräfte.“
Gibt es in Italien andere Einrichtungen, die sich an euren Erfahrungen orientiert haben?
„Die Jugendzeitschrift Scomodo[8], deren Redaktion hier untergebracht ist, expandiert und eröffnet neue Standorte in ganz Italien. Mir ist vor allem eines wichtig: dass es junge Männer und Frauen gibt, die versuchen, Orte der Begegnung und der Gemeinschaft zu schaffen. Dank ihrer Arbeit gelingt es ihnen, auch junge Menschen aus Stadtvierteln wie Tor Bella Monaca oder Torre Angela anzusprechen, weil sie bei ihnen einen Ort finden, an dem sie zusammenkommen und sich freier fühlen können.
Meiner Meinung nach geht es genau darum: Formen der Gemeinschaft zu schaffen, die politisch nicht festgelegt sind. Denn wenn ein Ort eine bestimmte politische Ausrichtung hat, besteht immer die Gefahr, dass ein Wettstreit um Identität entsteht und er kein offener Raum bleibt.“
Ist „Spin Time“ also ein übertragbares Modell?
„Es ist mir immer peinlich, wenn mir diese Frage gestellt wird. Denn einerseits stimmt es zwar, dass viele Menschen hierherkommen, um zu verstehen, wie unser Experiment funktioniert. Andererseits bürdet mir das aber auch eine große Verantwortung auf. Einen solchen Ort am Laufen zu halten, ist alles andere als einfach.“
Was wäre nötig, um Spin Time eine sichere Zukunft zu gewährleisten?
„Aus meiner Sicht müsste das umgesetzt werden, was ich in Artikel 1 Absatz 4 des Regionalgesetzes zur Stadterneuerung[9] aufnehmen ließ, nämlich experimentelle und innovative Projekte zu bevorzugen. Wir bieten nicht nur ein soziales Wirtschaftsmodell an, sondern schützen auf unsere Weise auch handwerkliche Berufe. Wir haben zum Beispiel über die Möglichkeit nachgedacht, alle bei uns ausgeübten beruflichen Tätigkeiten als offizielle Ausbildung anzuerkennen: von der Arbeit in der Küche mit HACCP-Zertifizierungen bis hin zu den anderen Werkstätten und handwerklichen Tätigkeiten. Meiner Meinung nach könnte dies zu einem echten sozialökonomischen Experiment werden. Darüber hinaus hat Open Impact – eine Forschungsgruppe, an der die Universität Tor Vergata, die Scuola Normale Superiore in Pisa und die Bocconi-Universität beteiligt sind – eine Studie[10] über die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Spin Time durchgeführt. Derzeit aktualisieren wir diesen Bericht, um besser zu verstehen, wie man Sozialwirtschaft und Realwirtschaft miteinander in Beziehung setzen kann.“
Wie hoch wäre der Wert von Spin Time, wenn es ordnungsgemäß als Unternehmen registriert wäre?
„Über 70 Millionen Euro, wenn man alle Aktivitäten einbezieht, die dort stattfinden.“
Das Zivilgericht in Rom hat das Innenministerium dazu verurteilt, Investire SGR 21 Millionen Euro sowie monatlich 217.000 Euro zu zahlen, weil die Räumung von Spin Time Labs nicht erfolgt ist. Was kannst du mir zu diesem Urteil sagen?
„Wir haben erfahren, dass das Innenministerium Berufung eingelegt hat, sodass uns Zeit bis zur Entscheidung des Kassationsgerichts bleibt. Es stimmt, dass dies ein hoher Preis ist, aber wie viel hätte die Wohnunterstützung für 140 Haushalte über 13 Jahre die Gemeinde gekostet, wenn man bedenkt, dass die Stadt Rom monatlich 2600 Euro für jede Wohnunterstützung von 14 Quadratmetern zahlt?“
Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist es für den Staat also vorteilhafter, eine Einrichtung wie Spin Time zu erhalten, anstatt alles an den Immobilienfonds zurückzugeben.
„Genau. Und stattdessen werden wir oft so behandelt, als würden wir der Gemeinschaft etwas wegnehmen. Ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Die Partei Fratelli d’Italia wollte eine Unterschriftenaktion starten, um unsere Räumung zu fordern. Die Händler und Supermärkte in der Gegend haben sich aber dagegen gewehrt, und so haben sie davon Abstand genommen,. Denn wir haben hier auch eine lokale Wirtschaft geschaffen, weil Hunderte von Menschen, die diesen Ort nutzen, täglich das Stadtviertel durchqueren. Wenn dieser Ort schließt, schließen auch die umliegenden Geschäfte.“
Wenn du eine symbolische Geschichte über diese elf Jahre bei Spin Time erzählen müsstest, welche würdest du wählen? Eine Begegnung, eine Person, etwas, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist.
„Meiner Meinung nach sind die jungen Leute das Schönste an diesem Haus. Zum Beispiel Sara, die hier gewohnt hat und heute volljährig ist. Ihre Eltern kommen aus Marokko, und man sieht sie, als sie etwa zehn Jahre alt war, auch in dem Film von Sabina Guzzanti über Spin Time[11]. Sie ist ein echtes Power-Girl, und ich glaube, sie hat den Spirit von Spin Time vollkommen verinnerlicht.
Sara hat eine Fotoausstellung organisiert, die den Kindern und Jugendlichen des Wohnblocks gewidmet ist. Auf ihren Bildern hat sie die Aktivitäten der Jüngsten dokumentiert. Inzwischen ist sie zur Aktivistin geworden, besucht das Plinio-Gymnasium und macht dieses Jahr ihren Abschluss.
Ich habe zusammen mit Sabina Guzzanti beim Plinio-Gymnasium den Film vorgestellt, und dort haben viele Sara als Kind wiedererkannt. Und ich sag dir: In dieser Schule war sie es, die die anderen mitgerissen hat, die Dinge organisiert und die Initiative ergriffen hat. Das hat mich beeindruckt.
Irgendwann schrieb sie sogar einen Brief an Papst Franziskus, und der wollte sie persönlich treffen, um ihr zu danken. Sie ist wirklich ein tüchtiges Mädchen. Und es gibt noch viele andere wie sie. Ich denke auch an die Jugendlichen, die den Italienischkurs besuchen, oder an diejenigen, die samstags einfach hierherkommen, um zusammen zu sein. Dieser Ort ist für sie ein Ort der Freiheit.
Vielleicht ist es genau das, was Angst vor einem Ort wie Spin Time macht. Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig dazu neigt, uns zu spalten und Konflikte zu schüren. Hier hingegen versucht man, das Gegenteil aufzubauen: Gastfreundschaft, Frieden, Multikulturalismus. Vielleicht ist es auch diese Vorstellung von einer anderen Gesellschaft – jenseits von wirtschaftlichen Interessen und Spekulation –, die Angst macht.
„Eine Situation werde ich nie vergessen: Während der Dreharbeiten stellte Sabina Guzzanti den Kindern aus dem Haus die Frage: ‚Fühlt ihr euch im Vergleich zu euren Schulkamerad*innen von der Di Donato-Schule benachteiligt?‘ Sie antworteten mit Nein. Im Gegenteil, sie sagten, dass sie es als Vorteil gegenüber den anderen empfinden, dass sie hier frei leben, Erfahrungen sammeln und zusammen sein könnten, wann immer sie wollen. Meiner Meinung nach ist das der wahre Sinn von Freiheit. Einen Ort erkennt man an den Blicken der Kinder und Frauen. Wenn ihre Blicke lebendig sind, dann ist der Ort gesund. Sind ihre Blicke hingegen leblos, dann stimmt etwas nicht. Das ist der wahre Prüfstein.“
Bist du nach all den Jahren des Kampfes immer noch zuversichtlich, was die Zukunft angeht?
„Ja. Gerade weil ich weiterhin an die Kraft der Jugend glaube.“
Hast du noch einen letzten Appell an die Leser*innen dieses Artikels?
„Weiterhin rebellisch zu träumen, um gemeinsame Horizonte zu erschließen.“
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die der Heinrich-Böll-Stiftung wider.
Übersetzung: Angela Eumann, Bearbeitung: Katja Petrovic | Voxeurop
[1] Istituto Nazionale di Previdenza Sociale
[4] movimento romano per il diritto all’abitare
[9] https://www.consiglio.regione.lazio.it/consiglio-regionale/?vw=leggiregionalidettaglio&id=9313&sv=vigente
[11] “Spin Time! Che fatica la democrazia” (2021, regia di Sabina Guzzanti)