Warum ist Lyon eine Hochburg des Rechtsextremismus?

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Nach dem Tod des 23-jährigen Quentin Deranque kommt Frankreich nicht zur Ruhe. Weil konservative bis hin zu rechtsextremen Politiker*innen und Medien das Ereignis nutzen, um die Linke und Antifaschismus zu diskreditieren, gerät die Linksaußen-Partei LFI kurz vor den Kommunalwahlen unter immensen Druck. 

Ville de Lyon

Manchmal kann ein einziges Ereignis den Lauf der (politischen) Geschichte ändern. Der Tod von Quentin Deranque am 14. Februar 2026 in Lyon könnte für Frankreich zu so ein Moment werden. Denn seitdem beschäftigt das Land die Frage, wer für den Tod des 23-Jährigen Studenten die Verantwortung trägt und wie sehr sich das Land politisch radikalisiert hat. 

Zwei Tage zuvor, am 12. Februar hielt Rima Hassan, Europa-Abgeordnete von La France Insoumise (LFI) an der geisteswissenschaftlichen Elite-Universität Institut d’études politiques (IEP) einen Vortrag über den Nahostkonflikt. Hassan, geboren im palästinensischen Flüchtlingslager Nayrab, ist eine politische Figur, die mobilisiert und polarisiert. Sie zieht Hass auf sich und ihr wird ideologische Nähe zur Hamas und Verherrlichung terroristischer Verbrechen vorgeworfen. Gegen ihre Präsenz hatte sich bereits im Vorfeld Widerstand formiert. Mit dabei: das Kollektiv Némésis, das sich als vermeintlich feministische Gruppierung innerhalb der rechtsextremen Identitären versteht. Die Gruppe ist geprägt von rassistischem, islamfeindlichem und transphobem Gedankengut. In Lyon sind nun Némésis-Aktivistinnen mit einem Banner in der Nähe der Hochschule gekommen, das die Aufschrift „Islam-Linke - Raus aus unseren Unis!“ trägt. Geschützt werden sie von „Freiwilligen“, die selbst ultrarechten Gruppen angehören. Die Lage ist an dem Abend unübersichtlich, viele Männer sind vermummt. Wenig später kommt es zu einer Schlägerei zwischen rechtsextremen und antifaschistischen Aktivisten. Am Ende wird der bereits am Boden liegende Quentin Deranque von mehreren Personen mehrfach getreten. Zwei Tage später ist er tot. 

Seitdem überschlagen sich die Ereignisse. Nachdem durch zahlreiche Videoaufnahmen immer mehr Details bekannt wurden und auch die ersten mutmaßlichen Täter in Untersuchungshaft kamen, wurde schnell klar: Viele von ihnen sind ehemalige Mitglieder der antifaschistischen Jungen Garde (La Jeune Garde). Gegründet wurde diese Gruppe mit mehreren hundert Anhängern im Jahre 2018 unter anderem von Raphaël Arnault. Arnault, bis 2022 Sprecher der Vereinigung, sitzt seit anderthalb Jahren für LFI in der Nationalversammlung. Auch LFI-Gründer Jean-Luc Mélenchon selbst besuchte ein Sommercamp der Gruppe im Jahre 2023. Die Entscheidung des damaligen Innenministers Bruno Retailleau, die Junge Garde im Juni 2025 aufzulösen, stieß bei Teilen der französischen Linken (LFI), aber auch den Grünen (Les Ecologistes) und der antikapitalistischen Partei (NPA- Nouveau Parti anticapitaliste) auf Widerstand. Dass unter den verdächtigen Festgenommenen im Fall Quentin Deranque auch Raphaël Arnaults parlamentarischer Mitarbeiter Jacques-Elie Favrot ist, der zur Jungen Garde zählt, stellt für die Insoumis (zu Deutsch „die Unbeugsamen“) vor den Kommunalwahlen einen politischen Supergau dar. Doch noch bevor die Umstände abschließend geklärt sind, ist die Debatte bereits vergiftet.

Auf rechter Seite sieht man eine Mitschuld von LFI und verurteilt die Einladung von Rima Hassan seitens der Hochschule. In den sozialen Netzwerken kursieren Fotomontagen von ihr und Raphaël Arnault mit Blut an den Händen. Marion Maréchal Le Pen sprach von einem Lynchmord und postete auf X „Die Milizen von Mélenchon und LFI töten“, auch der Parteichef der Le Pen Partei Rassemblement National, Jordan Bardella, stimmte in das Lied ein. Justizminister Gérald Darmanin sagte dem rechtskonservativen TV-Sender CNews „Nicht die Polizei tötet in Frankreich, sondern das Verhalten der Ultra-Linken.“ Und auch wenn Präsident Emmanuel Macron zu „Ruhe, Zurückhaltung und Respekt“ aufrief, heizte sich die Stimmung immer weiter auf. Am Trauermarsch für Quentin Deranque, eine Woche nach dessen Tod, nahmen schließlich über 3000 Menschen teil, einige von ihnen zeigten den Hitlergruß und skandierten rechtsextreme Parolen. Für sie ist Quentin Deranque zu einem Märtyrer geworden. Ein französischer Charlie Kirk. Viele Anhänger der Linken fanden es gerade wegen dieser Mystifizierung unangebracht, dass in der Nationalversammlung für Quentin Deranque eine Schweigeminute abgehalten wurde, während in ihren Augen Opfer rassistischer Verbrechen gar nicht oder kaum gewürdigt worden seien. 

Lyon – Hochburg der Neonaziszene 

Das, was in Lyon passiert ist, kommt nicht aus dem Nichts. Die Stadt ist seit Jahren dafür bekannt, dass radikale politische Gruppierungen aneinandergeraten. So offenbart der Totschlag von Quentin Deranque einerseits eine besondere lokale Prägung: Die Stadt Lyon ist historisch vom Katholizismus und Konservatismus geprägt und war Anfang des 20. Jahrhunderts Hochburg der royalistisch-nationalen Bewegung Action française. Ab den 1970er Jahren erstarkte die rechtsextreme Studentenorganisation GUD (Groupe Union Défense). 2019 bezeichnete die französische Generaldirektion für innere Sicherheit (DGSI) die Region Lyon als die „Wiege“ des rechtsextremen Aktivismus in Frankreich, in dem das gesamte Spektrum der rechtsextremer Bewegungen vertreten ist, von gemäßigteren Gruppen bis hin zu militanten Neonazis. Das Groupama Stadium, die Heimstätte des Fußballvereins Olympique Lyon, ist dafür bekannt, zahlreiche rechtsextreme Ultras anzuziehen. Zwischen 2012 und 2025 wurden in Lyon mehr als hundert Angriffe registriert, die als rassistisch, homophob und anti-links bewertet werden müssen. Parallel dazu gründeten sich antifaschistische Gruppieren, wie die Junge Garde, die sich als defensive Gegenreaktion auf die zunehmend Radikalisierung von rechts verstehen. Anders gesagt: Ohne Nazis gäbe es keine Anti-Nazis. 

Antifaschismus unter Beschuss 

Neben den lokalen Besonderheiten in Lyon aber legt der politische und mediale Umgang mit dem Fall Quentin Deranque offen, wie sehr sich der öffentliche Diskurs und die politische Deutungshoheit in den letzten Jahren bereits nach rechts verschoben haben. Dem Rassemblement National (RN, vormals Front National) ist es erfolgreich gelungen, ihre Außenwirkung zu „entteufeln“ (frz. la dédiabolisation), sich also mit gemäßigteren Tönen für eine breitere Wählerschaft öffnen. Fest steht: in absoluten Zahlen gesprochen war die Partei bei den letzten drei Europawahlen (2015, 2019 und 2022), sowie der letzten Parlamentswahl (2024) die erfolgreichste. Marine Le Pen schaffte es bei beiden letzten Präsidentschaftswahlen in die zweite Wahlrunde. Dass die Partei bislang so wenig an der exekutiven Machtausübung beteiligt ist, liegt in erster Linie am Mehrheitswahlrecht, das in Frankreich zwei Wahlgänge vorsieht. In der Regel bildet sich dann durch den Zusammenschluss der übrigen Parteien die so genannte "republikanische Front", die Brandmauer gegen die Rechtspopulisten. 

Durch den Fall Quentin Deranque sehen wir nun eine Umdeutung auf rechter Seite: Antifaschismus sei die Quelle der Gewalt. Schon rief Jordan Bardella die Parteien auf, sich gemeinsam gegen LFI zu stellen. Sie sei für die Demokratie die größte Gefahr und so müsse die republikanische Front in Richtung links errichtet werden. Für die Vertreter der anderen linken Parteien stellt sich nun die Frage, ob es strategisch sinnvoll ist, sich vorerst von LFI abzuwenden, anders gesagt Bündnisse auszuschließen. Einige Politiker*innen wie der Sozialist und Ex-Präsident François Hollande hat die weitere Zusammenarbeit mit Mélenchons Partei bereits abgelehnt. Andere Politiker*innen wie sein Parteikollege Olivier Faure oder die Grünen-Chefin Marine Tondelier ringen noch um ihre Haltung gegenüber den einstigen Bündnispartnern, mit denen man 2024 als Nouveau Front populaire NFP (Neue Volkfront) überraschend die Wahlen (gemessen an der Zahl der Abgeordneten) gewann. Selbst die Webseite der NFP ist längst abgeschaltet. Die Einigkeit scheint nur noch eine längst überkommene Utopie.  

Aber es hat sich auch Widerstand formiert gegen die Instrumentalisierung des Todes von Quentin Deranque. Eine Gruppe von 180 Persönlichkeiten, darunter so bekannte Intellektuelle wie Didier Eribon, Édouard Louis, Annie Ernaux oder der Historiker Nicolas Offenstadt haben einen Brief unterzeichnet, in dem sie Medien, der Rechten und Rechtsextreme, aber auch der Regierung vorwerfen, die Rollen von Faschismus und Antifaschismus zu verdrehen und das in einen gefährlichen, globalen Trend einordnen. Die Autor*innen erinnern daran, dass 90% der politischen Mode zwischen 1986 und 2021 vom rechtsextremen Lager begangen, allein 12 Morde seit 2022 seien offiziell bekannt geworden. Und sie scheuen auch nicht den Vergleich mit anderen Momenten in der jüngeren und jüngsten Geschichte: 

„Wir schlagen Alarm ! In der Geschichte hat die extreme Rechte oft Gewaltakte wie diesen instrumentalisiert, um die Gesellschaft gleichzuschalten. Im Jahr 1930 wurde der Tod des SA-Aktivisten Horst Wessel von Goebbels zum Mythos stilisiert, um die Nazi-Partei als Opfer darzustellen. Natürlich hat diese Episode ihre historische Besonderheit und lässt sich nicht einfach auf unsere heutige Realität übertragen. Aber wenn wir uns an Ereignisse in unserer jüngsten Vergangenheit erinnern, denken wir daran, wie Trump und seine Anhänger in den Vereinigten Staaten die Ermordung von Charlie Kirk instrumentalisiert haben, um soziale Bewegungen zu unterdrücken und Antifaschisten offiziell als terroristische Bewegung einzustufen.“

In der Tat wird durch die aktuelle Diskreditierung ausgeblendet, dass Antifaschismus historisch auch von gemäßigten Linken, von Anhängern der Republik zur Verteidigung der Demokratie vertreten wurde. Nicolas Offenstadt erinnerte auf dem Radiosender France Culture daran, dass es sich um eine breite Ideologie handelt: „Der Antifaschismus wird nicht von Gewalt getragen, sondern von der Verteidigung der republikanischen, demokratischen Werte, die nicht zwangsweise radikal links sein müssen.“ Im Kontext der landesweiten Kommunalahlen, im harten Kampf um jede Stimme, scheint derzeit allerdings wenig Platz für grundsätzliche intellektuelle Debatten und historische Einordnungen. Für LFI werden sie zu einem wahren Stresstest und, trotz aller Beteuerungen über den inneren Zusammenhalt, ist zu erwarten, dass die Partei die Zeit nach den Kommunalwahlen und bis zu den Präsidentschaftswahlen 2027 für ein tabula rasa nutzen wird, um ihre Glaubwürdigkeit wieder herzustellen. Welche anderen, gemäßigteren linken Kräfte von der schwächelnden Linksaußen-Partei profitieren, wird sich schon in der ersten Wahlrunde am 15. März zeigen. 

Und auch wenn 2027 noch in weiter Ferne scheint, so geht es für die gesamte Linke jetzt schon darum zu eruieren, ob sich überhaupt noch irgendwo eine realistisch Chance auf einen Einzug in den Élysee-Palast auftun könnte.